MAGAZIN / LETZTE ÄNDERUNG: 19.05.2013

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Linz Status Quo - Angelika Schnell: Deja Vu

Der Doppelgänger
Industriestadt mit großem Binnenhafen und mächtigen Fabriken, deren Schlote heute nicht alle mehr rauchen, aber dafür weniger stinken, seit Generationen von der Sozialdemokratie regiert (in einem schwarzen Land), auch schon vor 1933, Bürgermeister mit mehreren Amtsperioden keine Seltenheit, eigentlich geopolitisch bevorzugt gelegen, aber doch immer bloß Nummer zwei.
Von Anfang an ungeschickte Planung und Anlage von Hauptbahnhof nebst Gleisen, die bis heute Probleme macht, aber gut angebunden an die Reichsautobahn, daher auch nach dem Krieg konsequent als autogerechte Stadt weitergebaut, mit all der „sprawl“, der Zersiedlung, im Umland, der nun nicht mehr einzudämmen ist, ein Regionalflughafen, ein viel besungener Strom, in dem man erst seit kurzem wieder schwimmen kann und der regelmäßig über die Ufer tritt, ein beschauliches Umland, diverse Eingemeindungsprobleme und steuerliche Verluste in den Speckgürtel, eine erst Ende der Sechzigerjahre gegründete Universität, ein zentrales städtisches Klinikum, eine ruhmreiche Erfindung, aber keine Dichter und Denker, ein Theater, ein Kunstmuseum, eine zukunftsweisende kulturelle Avantgardeeinrichtung und ein einziges Mal im Verlaufe seiner Existenz als Kultur- und Wissenschaftsstadt im Fokus des Potentaten, der architektonisch wenig anspruchsvolle, dafür unvollendete Monumentalbauten und einiges an peinlichen Schulden hinterließ, dennoch kokettiert man noch heute gern mit den Namen derer, die damals zeitweise hier gelebt oder gewirkt haben.
Die Rede ist nicht von Linz, sondern von Mannheim, einer mittelgroßen Stadt im Südwesten Deutschlands (an der nördlichsten Spitze des Bundeslandes Baden-Württemberg), die bisher nicht auf die Idee verfallen ist, sich als Kulturhauptstadt Europas zu bewerben. Und das, obwohl Mannheim etwa ein Drittel mehr Einwohner hat, statt an einem sogar an zwei viel besungenen Flüssen – Rhein und Neckar – liegt, Hafen und Industrie größer sind, die Arbeiterkultur älter und ausgeprägter (während des nationalsozialistischen Regimes war das „rote Mannheim“ eines der wenigen Widerstandszentren Deutschlands), das städtische Krankenhaus Universitätsklinik und manche technische oder kulturelle Einrichtung bedeutender sind (das Automobil wurde hier erfunden, das Theater ist National- und nicht nur Landestheater, die Kunsthalle verfügte vor der NS-Zeit über eine vorzügliche Sammlung und war Schauplatz und Namensgeber der berühmten Ausstellung „Neue Sachlichkeit“). Nur die Ars Electronica ist international wohl berühmter, dafür hat Mannheim wegen seiner agilen Musikszene nun seit einigen Jahren eine Popakademie, wo man entweder Popmusik-Design oder Musik-Business studieren kann. Und natürlich ist der Potentat, der die Stadt zeitweise zu einem kulturellen Zentrum machte, nicht Hitler gewesen, sondern zuerst Kurfürst Karl Philipp, der 1720 den Sitz der kurpfälzischen Residenz nach Mannheim verlegte und nach Versailler Vorbild das zweitgrößte Schloss Europas zu bauen begann, und sein Nachfolger Karl Theodor, der renommierte Wissenschaftler und Künstler in die Stadt holte (Mozart, Schiller, Goethe), aber 1778 aufgrund von Erbfolge seinen Hof nach Bayern verlegte, wo er auf preußischem Druck das bayerische Innviertel an Österreich abtreten musste und einen riesigen Schuldenberg zurückliess. Was also macht Linz zur anerkennenswerten Hauptstadt der Kultur? Die berühmte Ansammlung kultureller Events (Linzertorte, Brucknerfest, Ars Electronica)? Oder die Idee, dass sich die Stadt wie bei einer Metamorphose von einer hässlichen Industriestadt zur schönen Kulturstadt gewandelt hat? Dies ist die Lieblingsidee von Bürgermeister Franz Dobusch. Oder, dass sie über seltenen Reichtum verfüge, nämlich über ein harmonisches Zusammenspiel von Natur, Industrie und Kultur? Linz-09-Intendant Martin Heller hält diese „Dreier-Formel“ sogar für ein „Alleinstellungsmerkmal“ der Stadt Linz.1
Große Worte, für die man auch Belege braucht. Zum Beispiel kann man im Vorwort des Linzer Kulturentwicklungsplans Folgendes lesen: „Der Kulturbegriff lässt sich zum Ausgang des 20. Jahrhunderts nicht mehr auf einen engen Kunstbegriff beschränken, sondern umfasst ebenso den sozialen, technologischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Bereich.“2 Weil also der Kulturbegriff unschärfere Konturen bekommen hat, kann fast alles herangezogen werden, um den Titel Kulturstadt zu bereichern oder zu rechtfertigen: soziale Musterstadt, Stadt der sauberen Luft, Stadt mit wirtschaftlicher Potenz und Vollbeschäftigung. Nun ist der Kulturentwicklungsplan, der in den Neunzigerjahren von politischer Seite initiiert und später im Gemeinderat einstimmig angenommen wurde, weder strukturell noch inhaltlich mit dem Kulturhauptstadtkonzept Linz 09 verbunden. Und das vermutlich aus gutem Grund. Denn wenn für die einen die Ausweitung des Kulturbegriffs ins wolkige Kultureventmanagement führt, sehen die anderen darin dessen Politisierung. Bürgermeister Dobusch und Kulturreferent Reinhard Dyk fahren in ihrem Vorwort nahtlos fort: „Gesamtgesellschaftliche Veränderungen und der Wandel von der Industrie- zur Kulturstadt Linz bringen einen Bedarf nach theoretischer Analyse und die Notwendigkeit von Handlungsanregungen für die Kulturpolitik mit sich.“ Nach Willen der sozialdemokratischen Politik soll Linz offenbar raus aus der Provinzialität und braucht daher zum einen „Handlungsanregungen“ für die Kulturschaffenden und zum anderen mehr intellektuelle Zuarbeit („Bedarf nach theoretischer Analyse“). Das hört sich ehrgeizig an, freilich sollte man nicht übersehen, dass der Wandel von der Industrie- zur Kulturstadt nicht nur keine Linzer Spezialität, sondern auch bereits vollzogen ist.

Industrie als Kultur
Im Jahr 1955 publizierte die Stadt Mannheim den für damalige Verhältnisse aufwändigen Bildband „Mannheim im Aufbau“, in dem das Wiedererstarken der „Rhein-Neckar-Stadt als Kultur- und Wirtschaftszentrum“ gepriesen wird (nachdem die Stadt im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört wurde), vornehmlich mit Schwarz-Weiß-Fotografien aus dem Hafen- und Industrieareal, von Fabriken und ihren Arbeitern, Motoren und Maschinen, Schiffen und Lagerhallen, natürlich auch von neuen Kaufhäusern, Banken und Versicherungen in der Innenstadt, von Wohnbauten, Schulen und einigen wenigen besonderen Bauten. Die sozialdemokratische Stadtpolitik wirbt zur Zeit des Wirtschaftswunders modern und offensiv für ein Neuverständnis der Stadt und bedient sich dazu gezielt zeitgenössischer visueller Mittel. Die Mehrzahl der Fotografien zeigt die Welt der Fabrikarbeit, aber nicht nur, weil nach dem Krieg Lohn und Brot das Wichtigste waren, sondern weil ganz selbstverständlich die Arbeit selbst als bedeutender Teil der Mannheimer Kultur identifiziert werden soll (auf einzelnen Aufnahmen posieren der „Rheinschiffer“ oder der „Metallschweißer bei einer Zigarettenpause“ wie bei einer Probeaufnahme für einen Film). Für die Darstellungen wurde keine dokumentarische, sondern eine Fortsetzung von Seite 9 künstlerische Fotografie gewählt; einer der beauftragten Fotografen ist Robert Häusser, der in Mannheim sein Atelier hatte. Vor dem Krieg wäre eine künstlerische Überhöhung der Welt der Industriearbeit als offizielle Stadt-Kulturpolitik undenkbar gewesen. Bürgertum und Proletariat waren sowohl örtlich als auch geistig-kulturell voneinander getrennt. Mit Selbstverständlichkeit
erinnert sich zum Beispiel der in Mannheim aufgewachsene Chefarchitekt des „Dritten Reichs“, Albert Speer, an die grossbürgerliche Welt seiner Kindheit, die ihm immer wieder Rechtfertigung gibt, sich vom einst verehrten Diktator, der wiederum in Linz aufgewachsen ist, zu distanzieren („kleinbürgerlich“).3
Man muss daher dem Linzer Bürgermeister widersprechen, dass Städte wie Linz oder Mannheim erst von der Industrie zur Kulturstadt wachsen müssen, da die Notwendigkeiten und die Visionen des Wiederaufbaus die Identifizierung beider Bereiche bereits viel früher festgelegt haben. Und vor allem kann man nicht unterschlagen, dass der Wandel von der Industrie zur Kulturstadt in erster Linie durch den Wandel von der Industrie- zur Konsumgesellschaft hervorgerufen wurde, was ebenfalls keine aktuelle Entwicklung ist und auch Standorte großer Fabriken wie Linz und Mannheim betrifft. Zu den wichtigsten Stadtentwicklungsmotoren werden spätestens seit den Sechzigerjahren Einkaufen und Wohnen, aber nicht mehr aufgrund bloßer Notwendigkeiten, sondern als kulturelle Formen von Freizeitbeschäftigung (Shopping) und Individualisierung (Schöner Wohnen). Das führt dazu, dass sich die Städte nicht mehr aufgrund ihrer Eigenheiten, sondern mehr und mehr im Verhältnis zu ihrem wachsenden Umland definieren lassen müssen. 1972 eröffnet das Rhein-Neckar-Zentrum, eines der ersten Shopping-Center der Bundesrepublik Deutschland, mit ca. 60.000 Quadratmeter Verkaufsfläche seine Pforten. Name und Standort verweisen deutlich darauf, dass es sich um ein Produkt von und für die Region handelt, zu der die Großstädte Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg gehören, sowie verschiedene Kreisstädte, in denen zusammen etwa 1,4 Millionen Menschen leben, dazu noch in drei verschiedenen Bundesländern (Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz). Da das Shopping-Center im hessischen Viernheim liegt, fließen auch die Steuergelder dorthin. Wegen der günstigen Lage an einem Autobahnkreuz der A5 (Teilstück der schon in der Weimarer Republik geplanten „HaFraBa“, die von Hamburg über Frankfurt nach Basel führen sollte), gehen dort gleichwohl auch die baden-württembergischen Einwohner aus Mannheim, Heidelberg und Umgebung einkaufen, was in den späten Siebzigerjahren eine lebhafte Debatte über das wirtschaftliche Absterben der Innenstädte hervorgerufen hat, worauf sowohl Mannheim als auch Heidelberg rasch mit der Errichtung von Fußgängerzonen reagierten. Was sich also derzeit im Umland von Linz abspielt, wo sich die Gemeinden Leonding und Pasching anscheinend gegenseitig mit aufgetakelten Shopping-Malls übertrumpfen, ist anderswo schon länger Realität.

Das Paradox der Sprawl
Freilich stimmt die Einschätzung, dass es „Bedarf nach theoretischer Analyse“ gibt. Nach wie vor bemühen sich Planer und Wissenschaftler, das Phänomen der „sprawl“ bzw. der zerstreuten Agglomerationen instrumentell und begrifflich in den Griff
zu bekommen. Die Unsicherheiten sind so groß, dass sie unvernünftige und illusionäre Vorhaben weiterhin begünstigen. Dazu gehört zum einen der fortwährend betriebene Ausbau des Individualverkehrs in der Region, der jedoch in Zeiten des belegten Klimawandels nicht mehr bloß mit dem Verweis auf fehlende gesetzliche Grundlagen in der österreichischen Regional- und Landesplanung entschuldigt werden kann. Was sich die Stadt Essen als Kulturhauptstadt für das Jahr 2010 vorgenommen hat, nämlich als Stellvertreterin für das gesamte Ruhrgebiet anzutreten, hätte sich Linz kaum erlauben können, ohne damit einiges an peinlichen Fragen zu provozieren. So mustergültig die Stadt selbst erscheint, auch und gerade in umweltpolitischen Fragen, so sträflich vernachlässigt wird der Umweltschutz in der Region.
Zum anderen gehört zum theoretischen Problem der „sprawl“ auch die Erweiterung des Kulturbegriffs zu einer romantischen Vorstellung eines harmonischen Einklangs von Arbeit mit Natur. Ideologischer Nukleus ist das Einfamilienhäuschen im Grünen, was im Rahmen von Linz 09 leider nicht thematisiert wird – obwohl Intendant Heller die Verknüpfung von Natur, Industrie und Kultur zum Leitthema erklärt hat. Die paradoxe Entwicklung von Stadtmenschen, die ins Grüne wollen (Natur),
sich deshalb außerhalb ein Einfamilienhaus bauen (Kultur), dann über neu gebaute Schnellstraßen kilometerweit ins Büro pendeln (Industrie), die allerdings den Naturgenuss erheblich stören, weshalb wieder Neuland im (noch) Grünen erschlossen werden muss, wo sich andere Neubewohner ihre Traumvilla errichten, für die wieder einiges an Erschließung und Infrastruktur nötig ist, die zusätzliche Ressourcen beanspruchen und die Immissionen verstärken, hält nämlich ungebrochen an. Linz wäre heute aufgrund der bisher erfolgreichen Umweltpolitik eigentlich dazu prädestiniert, diesen Teufelskreis durch
alternative Modelle zu durchbrechen, aber die Tatkraft scheint gedämpft. Auch neigt man dazu, sich selbst Sand in die Augen
zu streuen, denn beispielsweise ist die gepriesene solarCity als angebliche Alternative trotz aller gegensätzlichen Beteuerungen keine Stadterweiterung, sondern eine Siedlung. Eine überschaubare Anzahl von geraden oder gebogenen Zeilenbauten mit etwa gleichen Abständen auf die grüne Wiese zu setzen, damit als Gesamtplanung noch nicht einmal das gestalterische und räumlich komplexe Niveau von Puchenau zu erreichen, kann auf die neuen „nicht-familialen“ Nutzergruppen, die man so gern hier hätte, kaum attraktiv wirken. Herkömmliche Sozialmodelle – Kleinfamilie mit Kindern – sind vor allem in die solarCity gezogen; dazu passt auch, dass der „Migranten-Anteil“, wie es politisch korrekt heißt, unter dem Linzer Durchschnitt liegt.4 Von städtischer Kultur kann hier kaum die Rede sein. Der Zusatz „City“ zu „Solar“ ist rhetorische Täuschung. Zwar gibt es inzwischen ein paar Stadtverdichtungsprojekte, doch noch profitieren offenbar zu viele vom Status quo. Die omnipräsente Oberösterreichische Raiffeisen-Landesbank gibt privaten Häuselbauern beispielsweise nicht nur Finanzierungstipps, sondern empfiehlt auch, nach baubiologischen Kriterien das Grundstück zu wählen – es soll „sich nicht in der Nähe stark frequentierter Straßen oder Industrieanlagen befinden“, so als ob endlos Bauland zur Verfügung stände. Zudem berät sie ganz freimütig zum Thema „Schöner Wohnen“, gibt Tipps für die „individuelle Gestaltung“: „Das Wohnzimmer soll einen Blickfang erkennen lassen, wie z. B. eine große Zimmerpflanze, ein geschwungenes Fenster, ein beleuchtetes oder besonders gerahmtes Bild, ein Klavier oder einen Kachelofen. Dieser Blickfang soll sich von den anderen Einrichtungsgegenständen abheben und so als Leitmotiv für die gesamte innenarchitektonische Gestaltung wirken.“5 Natürlich geschieht das nicht uneigennützig. Zur Raiffeisen-Landesbank gehört auch die Real-Treuhand Immobilien Vertriebs GmbH, die wiederum Dach für zehn weitere Immobilienfirmen ist, die von der Baulanderschließung bis zum Bau alle Leistungen übernehmen, die sowohl bei öffentlichen als auch bei privaten Bauten anfallen können. Zweifellos dürfte dieses umfassende Konsortium in Oberösterreich mehr Einfluss auf das Baugeschehen haben als sonst irgendjemand. Und dass dort konkrete Ratschläge fürs gemütliche Wohnen gegeben werden, ist sogar Dreh- und Angelpunkt. Finanzierungsmodelle kann jeder nachrechnen, ästhetische Fragen sind freilich diffizil und – wie man in einer Stadt mit einem Kulturentwicklungsplan, der ein „systematisches“ kulturpolitisches Instrument sein soll, wohl wissen müsste – von politischer Kraft. Ein „geschwungenes Fenster“, ein „Klavier oder ein Kachelofen“ sind nicht bloß austauschbare Dekorationsstücke, sondern Modelle bürgerlich-konservativen Wohnens, die als nachahmenswerte Vorbilder empfohlen werden. Was als Individualisierung des Wohnens bezeichnet wird, benötigt in Wahrheit die Kontrolle durch Individualitäts- und Gemütlichkeitsautoritäten wie zum Beispiel eine Landesbank, damit man sich seiner „Individualität“ sicher sein kann. Karl Kraus’ berühmter Ausspruch, er brauche von einer Stadt nichts weiter als „Asphalt, Strassenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung, ... gemütlich bin ich selbst!“, identifizierte Individualität noch mit Freiheit. Das scheint jedoch überholt.

Der (ewige) Biedermeier
Nun ist „biedermeierliche Verniedlichung“ ein Thema, das gerade in Linz noch viel stärker in den Fokus einer anderen kulturelle Auseinandersetzung rücken könnte. Denn nach Ansicht von Architekturhistorikern gehört sie zum architektonischen Repertoire der Wohnbauten aus der NS-Zeit. Friedrich Achleitner betont, dass sich deren Architektur an historische Vorbilder anlehne und geht deshalb so weit, sie als „ideologiefrei“ zu bewerten, weil die Diktatur offenbar selbst keinen eigenen Stil hervorgebracht habe. Die „NS-Planer“ hätten sich, wie er schreibt, „eines architektonischen Vokabulars [bedient], das bereits vor ihrer Zeit im konservativ-bürgerlichen Bauen der Heimatschutzbewegungen und auch zum Teil in der englisch-deutschen Gartenstadtbewegung ausgebildet wurde“, daher waren diese Bauten nicht „a priori politisch“.6 Achleitners Auffassung einer „Autonomie des architektonischen Mediums“ ist natürlich eine typische Äußerung seiner Zeit und vor allem selbst als politisch-ideologische Ablehnung des modernen Städtebaus der Nachkriegszeit zu sehen. Die nationalsozialistischen Bauten werden so einerseits zu Komplizen einer „postmodernen“ Architekturauffassung, und andererseits zu Vertretern einer zugleich universalen und heimattümelnden Architektursprache erhoben.
Jedes Mal wenn von Gemütlichkeit, Biedermeierlichkeit oder individueller Behaglichkeit die Rede ist, begleiten sie deshalb
wie ein Schatten den Häuschen-Traum, der wohl noch längst nicht ausgeträumt ist. Ausgeträumt sollte aber irgendwann die Vorstellung von einer klaren Trennung von Stadt und Land, von städtischer Kultur und unberührter Natur sein. Das vage Konzept der Kulturhauptstadt Linz mit der „Dreier-Formel“ von Kultur, Industrie und Natur ist nicht bestimmt genug mit der allgegenwärtigen „sprawl“ verknüpft, die von Thomas Sieverts als „eine Zwischenstadt zwischen Kultur und Natur“ bezeichnet wird,7 und deshalb auch eine Neudefinition von Begriffen wie Natur und Kultur erforderte. Genauso gut könnte man damit an den berüchtigten Mythos vom „unzerstörbaren Band, das Technik und Natur verbindet“ erinnern, also an die Reichsautobahn, die „die Landschaft schöner machen [sollte], als sie war“,8 und an die 1937 Mannheim und 1939 Linz angebunden wurde. Mannheim erhielt sogar die „schönste Autobahneinfahrt Deutschlands“ und dazu eine direkte Verbindung nach Heidelberg (A56). Fährt man jedoch heute die etwa zwanzig Kilometer auf recht gerader Strecke durch die oberrheinische Tiefebene bis zum Neckartaleingang im Odenwald, wird man mit der Beharrlichkeit provinziellen Denkens konfrontiert, das sich trotz aller Autobahnen und erweiterten Kulturbegriffen hält. Am Ende dieses Autobahnstüks liegt Heidelberg. Bevor man in die Stadt auf recht prosaische Weise hineinfährt, begegnet man dem vorschriftsmäßigen gelben Ortschild, auf dem steht: „Heidelberg“. Wendet man nun und fährt dieselbe Strecke zurück, eben zur „schönsten Autobahneinfahrt Deutschlands“, begegnet man natürlich erneut einem gelben Ortsschild, auf dem diesmal zu lesen ist: „Mannheim. Universitätsstadt“.

1 Martin Heller, Intendant von Linz 09, im Interview, in:
SPÖ Linz-Stadt (Hrsg.), Bürgermeister Franz Dobusch.
20 gute Jahre für Linz, Gutenberg-Werbering, Linz 2007, S. 155
2 http://www.linz.at/kultur/kep/vorwort.html
3 Albert Speer, Erinnerungen, Propyläen Verlag, Berlin 1969, S. 20ff
4 http://www.linz.at/images/Beitrag_Evaluierung.pdf,
hrsg. vom Stadtteilbüro solarCity Pichling, Heliosallee 84, 4030 Linz
5 http://www.rlbooe.at/eBusiness/rlbooe_template1/1029084571550-
26257612983006457_1011376485453_1034468417717-
1015630729806-NA-6-NA.html
6 Friedrich Achleitner, Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert,
Bd. 1, Residenz Verlag, Salzburg/Wien 1980, S. 108, 109
7 Thomas Sieverts, Zwischenstadt, 3. Aufl., Vieweg, Braunschweig/
Wiesbaden 1999, S. 55
8 Zitiert nach: Erhard Schütz/Eckhard Gruber, Mythos Reichsautobahn.
Bau und Inszenierung der „Straßen des Führers“ 1933–1941,
Ch. Links Verlag, Berlin 1996, S. 7

Veröffentlicht/Published in: Angelika Fitz, Martin Heller (Hg. / eds.), LINZ TEXAS. Eine Stadt mit Beziehungen / A City Relates, Springer-Verlag/Vienna.

(Den ganzen Artikel als PDF zum Download)

  

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